Das Glück – Essay

Schon Aristoteles hat im abstrakten Begriff Glück das Zentrum ausgemacht, in dessen Richtung wir alle streben. Wir alle wollen glücklich sein, wir sind alle auf der Suche nach dem Glück, es ist das Ziel und der Grund für jede einzelne unserer Handlungen. Ob es der Schokoladenkuchen oder das Müsli zum Frühstück ist, die Ambition gut in der Schule zu sein oder das Hineinstürzen in den eher anstrengend anmutenden Dating-Dschungel, wir tun all das mit der Begründung und dem Ziel, dass es uns unter Umständen glücklicher machen wird. Wir suchen es im 20:15 Film, in unseren Freunden und in der Liebe. Und obwohl all unser Handeln darauf ausgerichtet ist, scheint es als wären wir nicht besonders gut darin die Ziellinie zu finden. Mehr Menschen suchen heute auf Google nach Glück als je zuvor und Antidepressiva sind ein boomendes Geschäft. Umso mehr wir uns anstrengen glücklich zu werden, umso mehr scheint uns das Glück davon zu rennen. Was ist es überhaupt, dieses Glück? Ist es eine Entscheidung? Oder ist es nur eine Farce und wir sind dazu verdammt unser Leben lang etwas nachzurennen was unerreichbar ist?

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Irgendwie scheint es das Glück zu geben. Der Abend im Club, wenn sich die Freunde gegenseitig ins Gesicht grölen, der Moment nach dem Casinogewinn, Sex. In solchen Momenten scheinen wir sagen zu können ‘gerade ist eigentlich alles ziemlich gut’. Doch eigentlich zeigen diese Beispiele auch die Nichtigkeit des Glücks. All diese Momente und die damit einhergehenden Glücksgefühle sind zeitlich sehr begrenzt und es scheint als würden wir Ekstase mit Glück gleichsetzen. Wir werden am nächsten Tag aufwachen und uns nicht glücklicher fühlen als sonst, da wir wieder wir sind, mit all den Problemen die zum Menschsein dazu gehören. Wir haben uns für kurze Zeit über die conditio humana hinweggesetzt, aber nachhaltig glücklich sind wir nicht.

Und auch wenn es um längerfristiges Glück geht bin ich mir nicht sicher ob unsere Suche so viel Sinn macht. Wir merken es oft nicht wenn wir glücklich sind, wir sehen es nur in der Retroperspektive, wenn es schon weit weg ist, das Glück. Hätte man uns letzten Sommer, als wir mit unseren Freunden an einem See im Wald gegrillt haben, gefragt, ob wir gerade glücklich sind, hätten wir tausend Gründe gefunden warum wir gerade nicht glücklich sind und wieso die Dinge wie sie gerade sind nicht perfekt passen. Aber jetzt, ein Jahr später sagen wir das war eine glückliche Zeit und wir wären gerne wieder dort. Das Glück scheint immer irgendwo anders zu sein als wir es sind. Es ist wie das Wasser im See. Nicht greifbar. Und wenn etwas nie ist sondern immer nur war, existiert es dann überhaupt?

Meine Meinung ist, dass das Glück als Zustand der völligen Beschwerdelosigkeit nicht existiert. In jedem noch so tollen Beruf ist diese eine beschissene Aufgabe oder dieser eine nervige Kollege und die besten Liebesbeziehungen bestehen nicht aus bedingungsloser Liebe und purem Glück sondern aus Kompromissen, Missverständnissen und den Versuchen uns Gegenseitig zu verstehen, in der Hoffnung unsere Einsamkeit zu besiegen. Um zufrieden, ja sogar irgendwie glücklich zu werden müssen wir aufhören darüber nachzudenken ob das Glas halb voll oder halb leer ist und uns bewusst machen, dass das Glas einfach zu groß ist. Wenn wir uns von der nächsten Beziehung nicht wünschen dass sie unsere Sorgen auflösen wird sondern dass wir uns gegenseitig unsere Sorgen erzählen können und feststellen werden dass wir alle Wracks sind, was unsere Sorgen und Probleme dann erträglicher macht, haben wir vielleicht schon einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Vielleicht braucht es ein bisschen weniger Erwartungen und ein bisschen mehr Gelassenheit.

Ein gutes soziales Umfeld wird auch von vielen auch als Garant für ein glückliches Leben gesehen. Jedoch denke ich, dass viele Freunde mit denen wir ausgehen können und denen wir unsere Probleme erzählen können uns nicht zwingend glücklicher machen. Wir sollten aufhören uns darauf zu konzentrieren glücklich zu werden. Wenn wir uns jeden Tag zehn mal fragen ‘Bin ich schon glücklich?’ und uns mit unseren Freunden treffen um glücklicher zu werden werden wir nicht glücklicher werden. Wir sollten aufhören an uns zu denken, und uns stattdessen mehr um das Wohlergehen anderer kümmern. Gute Zuhörer und Besitzer von Schultern an denen man sich anlehnen und ausweinen kann, das sind vermutlich die glücklicheren Menschen.
Um abschließend auf eine der Fragen vom Anfang einzugehen – obwohl die Suche nach dem Glück auch keinen Abschluss zu finden scheint -: Es könnte sein. Es könnte sein, dass das Glück eine Entscheidung ist. Vielleicht kommen wir dem Glück ein bisschen näher wenn wir uns entscheiden nicht mehr glücklich sein zu wollen.