Kamera | Essay

Momente. So schnell und ungreifbar. Der Moment ist vorbei, bevor er überhaupt begonnen hat. Ich versuche die Zeit zu stoppen, die unfassbaren Momente einzufangen. Sie in Bildern zu konservieren. Das Bild aus dem Urlaub am Meer. Ich rieche das Salz des Meeres in meiner Nase, spüre die Wärme der Sonne auf meiner Haut, alte Bekannte treten vor mich und ich fühle mich, als wäre ich wieder zurück in diesem Moment, den ich als er wirklich geschah nicht mal selbst fassen konnte. Er rauschte einfach an mir vorbei. Die Fotos geben mir die Möglichkeit inne zuhalten und das Gefühl zu haben, die Zeit zwingt mich nicht in die Knie mit ihrer Unberechenbarkeit. Sie rast hier und kriecht da. Die Bilder helfen mir mich daran zu erinnern wie wichtig das hier und jetzt ist, denn ehe man sich versieht ist es weg, an einem vorbeigerauscht und man sieht es nur noch auf dem Bild und fragt sich wo war ich da, wann war ich da.

Wir speichern das Licht der Umgebung vermeintlich unveränderlich und 1:1, wie in einer Konservendose. Doch schmecken die Gurken in der Dose gleich wie frisch vom Feld? Nein, sie sind anders, irgendwie unecht. Es sind noch Gurken ja – aber nicht mehr die selben. Fotos verzerren die Wirklichkeit und spiegeln eine falsche Realität wider. Zeigt das eine Selbstportrait von 200, das ich ganz gut finde mein wahres Ich? Eher weniger. Es ist eine Selbstdarstellung, eine Abstraktion meiner selbst, ich zerlege mich in Pixel und setze mich wieder zusammen, wie eine Lego-Figur, ganz nach meinen Wünschen.

Diese Verzerrung und Verschiebung macht Fotos aber nicht nur zu einer Zelebrierung der Oberflächlichkeit sondern auch zu einem Mittel des Ausdrucks von Gefühlen und Emotionen. Ich laufe hin und her, versuche die Umgebung aus dem Blickwinkel einzufangen der meine Welt zeigt. Jeder würde die Szene subjektiv anders empfinden aber so habe ich die Möglichkeit, meine verquere Sicht der Welt anderen sichtbarer zu machen. Oder ich werde zu einer anderen Person und wechsle die Perspektive. Vom Vogel zum Frosch in Sekundenbruchteilen.

Das ist meine Kamera und der Haufen an Bits den sie auf Knopfdruck produziert. Sie hat ihre Schrammen und Spuren aus dem Kampf gegen die Zeit und die Realität, doch sie erfindet sich jedes Mal neu, der Haufen an Daten ist jedes Mal anders, was die Kamera so vielseitig macht wie eine Millionen-, nein Milliarden-Armee von Chamäleons.

-Aaron Kurz

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